» 15.04.2011

» Christel Lechner über Geschichte und Geschichten der Alltagsmenschen

Kann Beton reden? Mit der Aussprache wird es wohl etwas schwierig. Aber Botschaften transportieren, das können Christel Lechners Alltagsmenschen sehr wohl. Sie sind Meister der „nonverbalen Kommunikation“: Sie reden ohne Worte. Bei einem Rundgang nach der offiziellen Eröffnung wies die Künstlerin auf Geschichten und Geschichte ihrer Figuren hin, die ihnen der Betrachter nicht auf den ersten Blick ansieht.

Zur Polonäse auf dem Brink inspririerte Christel Lechner ein Erlebnis auf dem Okotberfest in München. Mit Freunden saß sie in einem Bierzelt, als junge Leute in einer Polonäse fröhlich durch die Reihen stürmten. Zunächst beäugte sie die johlende Menschenkette als Ausgeburt alkoholgeschwängertem Übermuts, doch dann zog sie jemand in die Reihe. Mitten im Trubel merkte sie, wie der Spaß des schwankenden Lindwurms sie mitriss und ihr ein ausgelassenes Erlebnis bescherte. Die fröhlichen Grenzgänger auf dem Brink sind indes wesentlich älter und runder als ihre jungen Vorbilder aus München: „Aber wer sagt denn, dass nur junge Menschen Spaß haben sollen?“, fragt Lechner rhetorisch, „die Jugend hat doch immer Spaß, wir Anderen müssen nur etwas mehr dafür tun.“ Einreihen zum Beispiel. Die Polonäse lässt deshalb extra eine Lücke. Wer sich dort hineinstellt, muss automatisch lächeln.

Voller Vorfreude scheint auch die Dame auf dem Kreisverkehr an der Moorbrücke: „Helga goes shopping“. Und das tut sie mit unternehmungslustig vorgebeugtem Oberkörper und schwingender Handtasche. Diese Figur zeigt, welch genaues Bewegungsstudium den Alltagsmenschen vorausgeht. Sie sind nicht nur starre Zeugen, sondern in Stein gegossene Seelenmomente, die ihre volle Dynamik durch die Inszenierung an unterschiedlichen Orten entfalten. Sie verwachsen mit diesen Standorten und setzen zugleich die Fantasie in Bewegung. Wie Helga, die sich offenbar schon auf eine Shoppingtour rund um den Brink freut.

Momente festhalten möchte auch die „Fotogruppe“ in der Bahnhofsstraße. Besonders zufrieden scheint der Herr im blauen Pullover vor der Villa Nova zu lächeln, der von seinen Kollegen fotografiert wird. „Mein Freund aus Polen“, nennt ihn Christel Lechner und streicht ihm liebevoll über den lichten Haarkranz. Mit ihm wollte sie vielen Spätaussiedlern aus dem Osten ein Denkmal setzen, die in unserer Mitte angekommen sind und nicht ohne Stolz auf ihre eigene (Migrations-) Geschichte blicken. Sie sind als Alltagsmesnchen in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Die „Raumperlen“ vor dem Bahnhof sind eine ausdrucksstarke Verneigung der Künstlerin vor dem stummen Dienst der Reinemachefrauen überall in unserer Gesellschaft, der oft missachtet oder sogar diskreditiert wird. „Wenn die mit der Arbeit fertig sind, glänzt es überall“, meint Lechner. Der Kittel ist die Uniform der Perlen, Lappen und Feudel sind ihre Waffen. Als Gruppe arrangiert, stehen sie in klarer Beziehung zueinander. Eine gönnte sich still und heimlich eine Pausenzigarette – so dass ihre Koleginnen das nicht mitbekommen, hofft sie. Die anderen tratschen ein wenig, vielleicht über die Kollegin ganz links, die offenbar ein wenig gemobbt abseits steht. Zickenkrieg der Raumperlen? „Horchen sie mal hin“, rät die Künstlerin, „aber sie können sicher sein, die Damen halten den Platz trotzdem picobello sauber.“

Der „Herr Immig“ (gesprochen: „Immich!“) in der Emsstraße kommt aus Dortmund-Huckarde und ist die in Beton gegossene Antwort Christel Lechners auf die folgende Frage von Frau Immig: „Können Sie auch meinen Mann in Beton machen?“ Kann sie. Aber solange der Gatte noch hübsch lebendig jeden Morgen am Frühstückstisch erscheint, schickt die Künstlerin das Dortmunder Urgestein in die weite Welt. Die Immigs, so versichert sie, reisen ihrem Kunstwerk hinterher und besuchen es immer dort, wo der Herr mit Strickpulli, Karohemd und blauer Mütze einen Standort findet. Also nicht erschrecken, wenn plötzlich zwei in der Emsstraße stehen: Beide sind echt, aber einer bewegt sich.

„Maria Hellwig und Tochter“ sind gerade auf den Sprung in die Drogerie, so scheint es, an der Kreuzung von Emsstrasse und Rheiner Straße. Bei dieser doch recht alltäglichen Verrichtung fällt dem Passanten auf, wie ähnlich sich Mutter und Tochter doch sind. Vor allem in Gestik, Mimik und Ausdruck, meint Christel Lechner. Sogar modisch gehen sie mit knielangem Kleid und Jäckchen in die gleiche Richtung. Nur wo bei Muttern die Blümchen auf dem Kleid das Frühjahr einläuten, prangen bei der Tochter rote Leopardenflecken – die Dame hat wohl Pläne. Welche? „Fragen sie die jüngere Frau Hellwig selbst“, regt Lechner an, „vielleicht verrät sie es ihnen.“

Die „Ordensschwestern“ vor der St. Pankratiuskirche sind eine wahrlich katholische Gemeinschaft: Wetumspannend und etwas entrückt. „Eine Ordensfrau kommt aus Indien und ist hier zu Besuch“, verrät Christel Lechner. Sie alle bestechen durch ihre Bodenhaftung, ihre zupackende Gestik und ihr engelsgleiches Lächeln. In ihre Gesichter scheinen Glaube und Gebet die Zuversicht auf eine bessere Zukunft gezaubert zu haben. Die vage Botschaft und die klare Verwurzelung in Alltag und Aufgabe machen die Spannung aus, die durch die beziehungsreiche Anordnung der Ordensfrauen noch verstärkt wird.

Die „Fußballer“ vor der Sparkasse haben den Schlusspfiff schon gehört. „Sie sind gerade fertig mit dem Spiel“, erklärt Christel Lechner, „deshalb sind sie auch so schmutzig.“ Auf Trikots, Hosen und Beinen hat der Rasenkampf seine Spuren hinterlassen und die Recken sind stolz auf ihr Spiel. „Die wollen einen Vertrag“, meint Lechner, „und sie wissen, wo das Geld für den Sport herkommt.“ Deshalb warten sie direkt vor der Sparkasse. Einen Manager brauchen sie nicht. Ihre gekreutzten Arme sagen: Wir wissen, was wir können – jetzt seid ihr dran.

Dem „Jan am Baum“ ist der Trubel am Sandufer zu rummelig. „Der sagt nicht viel“, meint Christel Lechner, „er guckt lieber zu.“ Wer von Jan etwas wissen will, so rät sie, solle sich daneben stellen und ewas Geduld mitbringen. Gleiches gilt für „Boni auf der Mauer“. Auch so ein schweigsamer Betrachter, der sich aber immer freut, wenn man sich zu ihm gesellt. Mit beiden kommuniziert man am besten in Gedanken. Sie sind etwas mundfaul.

Neben „Heinz auf dem Balkon“ findet man indes keinen Platz: Nicht jeder Sterbliche hat die Ehre, vom Balkon der Villa Schaub auf das Geschehen in der Emsstadt schauen zu dürfen. Heinz ist eigentlich Bademeister, deshalb kurzbehost, was die Verkleidung des Balkons aber verhüllt. Immerhin blickt er genau auf die Zufahrt zur Innenstadt und wird schon aufpassen, wer reinkommt und wer nicht.

Der „Kaffeeklatsch“ im Innenhof des St. Josefsstifts ist unter anderem eine Hommage an den feinen Suppentopf. „Ich komme aus dem Töpferhandwerk“, berichtet Christel Lechner, „eine hübsche Suppenterrine gehört für mich zum festlich gedeckten Tisch einfach dazu.“ Hier im frühlingsgrünen Innenhof des Altersheims sprießen indes Blumen aus dem guten Stück und bereichern auf ihre Art den recht privaten Kaffeeklatsch der rührigen alten Damen. Eine hat sogar noch die Lockenwickler im Haar. Trotzdem zeigen sie sich gastfreundlich: Ein Stuhl bleibt frei. Wer weiß, wer noch kommt. Die Bewohner des Stifts können von ihren Balkons beobachten, wer sich dazusetzt.

Platz hat auch noch „Grete auf der Bank“ vorm Café Buntstift. Während die Passanten sonst eher durch die Glasfassade nach drinnen in die Begegnungsstätte für Senioren linsen, schaut Grete auf die Passanten und zeigt, dass auch diese Perspektive durchaus interessant ist. Sie ist in den besten Jahren, geht das letzte Lebensdrittel ruhig an und schaut sich ganz gelassen um. „Vielleicht zieht Grete ja mal hier ein“, mutmaßt Christel Lechner.

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